B.A. Digitale Wirtschaft (Live-Webinar) 28.05.2020 18:00-19:00 UhrÖffnen

So stelle ich mir das ökonomische Paradies vor

Außergewöhnliche Zeiten verlangen außergewöhnliche Lösungsansätze. Wir, die VWA München, setzen traditionell auf Präsenzveranstaltungen, aber in der jetzigen Zeit haben wir uns für Onlinevorlesungen entschieden. Aus gutem Grund! Unsere Studierenden können ihr Studium fortsetzen und ihre beruflichen Ziele verfolgen. Die Vorlesungen finden in der geplanten Zeit live statt, aber können jederzeit on demand angeschaut werden. Während des Live-Webinars können Studierende mit den Dozenten via Chat in Kontakt treten oder auch später via Mail. Es ist für alle eine große Umstellung. Wie die Dozenten damit umgehen, fragen wir Prof. Dr. Johannes Laser.

Prof. Laser, Sie unterrichten bei der VWA München Internationalen Handel. Bis jetzt in Präsenzform und in diesem Semester via Live-Webinar. Wie finden Sie diese neue Unterrichtsform?

Vor dem Hintergrund der Kontaktbeschränkungen ist dies die einzige Möglichkeit, den Vorlesungsbetrieb aufrecht zu erhalten. Die VWA München hat schnell proaktiv gehandelt und uns als Dozenten eine leicht handhabbare Plattform zur Verfügung gestellt. Ich kann sowohl meine Power-Point Präsentation als auch ein Whiteboard benutzen sowie die Veranstaltung aufzeichnen, was eine Zeit unabhängige on demand Abfrage der Studierenden ermöglicht. Da die VWA berufsbegleitende Studiengänge anbietet, ist dies durchaus ein attraktives Schmankerl für die Studenten.

Per Live Webinar sehen Sie die Studierenden nicht. Sie können nur per Chat kommunizieren. Vermissen Sie den Live-Kontakt, die Diskussionen und Fragen, die im face-to-face Kontakt entstehen?

Tatsächlich fehlt mir ein wenig der vis-a-vis Kontakt. Ich habe aber über die Plattform immer die Option, verbal oder non-verbal festzustellen, ob das, was ich vermitteln will, auch bei dem Empfänger der Kommunikation angekommen ist.

Im Internationalen Handel geht es viel um Globalisierung und weltweite Handelskontakte. Durch die Corona-Pandemie sind wir auf unsere „kleine Welt“ beschränkt. Was meinen Sie, Prof. Laser wie wird sich der internationale Handel nach der Corona-Zeit ändern?

Das hängt davon ab, inwieweit die internationale Supply Chain (Lieferkette) wieder aktiviert werden kann. Wie sehen ja auch in Deutschland, wie schwierig es ist, seinen Zahlungsverpflichtungen als Unternehmen in Zeiten stark einbrechender Umsätze nachzukommen. Selbst dem deutschen Staat wird es nicht möglich sein, alle Unternehmen über die Corona-Epidemie hinaus am Leben zu halten. Dies wird nicht so zahlungskräftigen Staaten in Afrika und Asien noch schwerer fallen. Darüber hinaus existiert in Deutschland momentan ein enormer öffentlicher Druck, strategisch wichtige Bereiche (medizinische Güter, Nahrungsmittel) in Zukunft verstärkt in Europa bzw. im Inland produzieren zu lassen. Insgesamt wird aber das Rad der Globalisierung nicht zurückgedreht. Zwar sind die Vorteile ungleich verteilt. Der Prozess ist aber oft eine win-win Situation.

Wir sehen in der gegenwärtigen Krise, dass zum Beispiel die deutsche Wirtschaft, etwa im Medikamentenmarkt, sehr abhängig von Asien ist. Auch in der Frage der Atemschutzmasken hat sich gezeigt, dass Deutschland, insbesondere der Pflegebereich, nicht auf eine Pandemie vorbereitet war. Ist es an der Zeit, künftig logistische Abhängigkeiten so zu reduzieren, um wenigstens in Krisenfällen – und diese könnten in Zukunft, auch wegen der intensivierten, beschleunigten Globalisierung zunehmen – besser gerüstet zu sein?

Uns sollte bewusst werden, dass irgendjemand immer die Rechnung für günstige Preise der Endprodukte zahlt, die durch internationale Arbeitsteilung zustande kommen. Denken Sie bitte an die oft katastrophalen Arbeits- und Umweltbedingungen in den Ländern unserer Handelspartner. Es sollte aber auch in das Bewusstsein der inländischen Verbraucher gelangen, dass reduzierte internationale Abhängigkeiten zu einem Anstieg der Verbraucherpreise führen werden.

Was meinen Sie, kann es so etwas wie eine „aufgeklärte Globalisierung“ im Sinne von weniger Shareholder Value, bessere europäische Zusammenarbeit, qualitativere globale Kooperation und mehr Nachhaltigkeit geben?

So stelle ich mir das ökonomische Paradies vor. Wir sehen allerdings, dass gerade dann, wenn der ökonomische Druck sich erhöht, die Nationalismen auch in Europa zunehmen.

Die Wirtschaftsforscher sind sich derweil in einem einig: Die Weltwirtschaft steckt in einer Rezession, und zwar in der tiefsten, die jemals ohne Kriegseinwirkung im Westen konstatiert wurde. Wie sieht Ihrer Meinung nach die Prognose für die Zeit nach der Krise aus?

Da fehlt mir die Glaskugel!! Eine zulässige ökonomische Prognose lässt sich nur realisieren, wenn wir die Zeitdauer der Epidemie und die medizinischen Auswirkungen abschätzen könnten. Dazu fehlt mir der Sachverstand.

Die Corona-Krise und die wirtschaftspolitischen Reaktionen dürften zu Strukturveränderung führen, die uns wahrscheinlich auf viele Jahre beschäftigen werden. In jeder Krise gibt es Gewinner und Verlierer. Sind die großen Konzerne, die mit weniger Verlusten aus der Krise herausgehen werden, die Gewinner oder muss das differenzierter betrachtet werden?

Ich habe auch in Deutschland den Eindruck, dass es einige große Player gibt, die den politischen Entscheidungsträgern signalisieren, sie seien „too big to fail“. Damit gäbe es eine Legitimationsbasis für umfangreiche staatliche Unterstützung, die es in diesem Umfang für Kleinst- und Kleinunternehmen gar nicht geben kann. Auf der anderen Seite gibt es eine Vielzahl von Hidden Champions, die auch aufgrund ihrer geringen Unternehmensgröße sehr flexibel auf diesen massiven Angebots- und Nachfrageschock reagieren werden.

Und die letzte Frage: Können wir Konsumenten durch die Veränderung unseres Verhaltens - Stichwort: regional kaufen und kleinere Unternehmen unterstützen - zur Milderung der Krise beitragen? Ist das überhaupt möglich und sinnvoll?

Diese regionalen Initiativen gab es schon vor der Corona-krise und nehmen momentan stark zu. Letztendlich ist es der Konsument, der über sein Nachfrageverhalten bestimmt, was und wo produziert wird. Uns wird auf breiter Basis bewusst, welche Auswirkungen unser bisheriges Handeln auf Mensch, Tier, Gesundheit aber auch auf die regionale Einzelhandelsstruktur hat. Je deutlicher wir uns in der Summe für regionale Wertschöpfungsketten entscheiden, umso kontrollierbarer sind diese und umso höher ist auch der moralische Druck von der „Geiz-ist-geil“ Mentalität abzurücken. Je mehr von der gesamten Wertschöpfung in der Region bleibt, umso höher ist schließlich auch die Kaufkraft, die wiederum dort verwendet werden kann.

Vielen Dank für das Gespräch, Prof. Dr. Johannes Laser!