Zufällige Umwelteinflüsse oder deterministische (vorherbestimmte) DNA? Ein Schlichtungsversuch

Aus der Erforschung genetisch identischer, also eineiiger Zwillinge, ist folgendes bekannt: Werden diese nach der Geburt getrennt und wachsen sie anschließend in u. U. völlig verschiedenen Gesellschaften/Kulturen in Verbindung mit stark differierenden Lebensstandards auf, so begegnet man, zuweilen Jahrzehnte später, diesen Zwillingen häufig als Personen wieder, die möglicherweise jeweils beruflich ähnlich erfolgreich (oder erfolglos), privat entweder glücklich und zufrieden (oder ebenunglücklich und unzufrieden) geworden sind.

Diese Befunde aus der Zwillingsforschung werfen ein Schlaglicht auf einen nicht mehr ganz neuen (aber gerade wieder aktualisierten) Disput, der sich spätestens seit den 1960er Jahren etwa (um nur einige betroffene Disziplinen zu nennen) in der Erziehungswissenschaft, in der Ökonomik (dort etwa, aber nicht nur, in der Glücksforschung), in den Gesellschaftswissenschaften, in der Politikwissenschaft und auch in der Sozialphilosophie abspielt. Besonders bekannt ist in der Sozialphilosophie der Beitrag des Ökonomie-Nobelpreisträgers von 1974, Friedrich August v. Hayek: Ihm zufolge ist der Wettbewerb auch deshalb so nützlich, weil er als ein Entdeckungsverfahren begriffen werden kann, in dem sich neue Methoden, Organisationsprinzipien und Produkte oder Dienstleistungen erstmals zu erkennen geben. Ob sie sich (wenn überhaupt, dann natürlich immer nur vorübergehend) am Ende durchsetzen, hängt vor allem davon ab, ob sie effiziente, also transaktionskostensparende Lösungen und Arrangements ermöglichen, die unser Leben ein wenig besser machen. Dieser Prozess, den auch Darwin in der Natur erkannte, wird von v. Hayek als Evolution bezeichnet. So bilden sich in der Gesellschaft auch Institutionen, wie etwa die bürgerliche Ehe, evolutorisch heraus. Und zwar weniger deshalb, weil sie den moralischen Vorstellungen der christlichen Kirchen besonders entsprechen als vielmehr deswegen, weil diese den Zielkonflikt zwischen „maximaler Sicherheit“ (sehr langlebige Partnerschaft möglich und erwünscht) und „maximaler Flexibilität“ (beliebig lange Partnersuche vorab) auf intelligente Weise auflöst.

„Entdecken“ könnte man auch als eine Form oder besser als eine Vorstufe von späterem Lernen auffassen. Wir merken uns sowohl positive als auch negative Konsequenzen unserer (wichtigen) Entdeckungen und das ein Leben lang. Genauer: eigentlich weit länger als ein (also unser eigenes) Leben lang. Denn wir alle sind mit einer DNA ausgestattet, die sich über einen zwar prinzipiell endlichen, aber doch ziemlichen langen Zeit-Pfad hinweg entwickelt und sich zugleich bestmöglich an sich häufig (mehr oder weniger zufällig) ändernde Umweltzustände anpasst. Das ist mitnichten eine Einbahnstraße, denn, wie v. Hayek lehrt, Evolution besteht auch darin, Institutionen in der Gesellschaft so zu gestalten, dass sie in der Lage sind, auftretende (unvorhergesehene) Schocks sowohl flexibel als auch robust abzufedern. Neudeutsch gesprochen kommt hier der Begriff der „Resilienz“ ins Spiel.

Was bedeutet das konkret? Etwa im Hinblick auf die Erziehungswissenschaft deutet vieles darauf hin, dass pädagogische Experimente der 1960er Jahre, wie die Schule von „Summer Hill“ oder die in Deutschland auch aus anderen Gründen mittlerweile in erheblichen Misskredit geratenen „Odenwaldschulen“ auf einem fundamentalen Denkfehler beruhten. Sie leugneten implizit die über viele Generationen hinweg erworbene DNA bei Schülerinnen und Schülern und maßten sich an, in kurzer Zeit, mehr oder weniger „antiautoritär“, junge Leute ausgerechnet durch „Nichterziehung“ erziehen zu können. Das hört sich ziemlich harmlos an, ist es aber nicht. Denn die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist, wie wir heute wissen, voll von verbrecherischen Versuchen totalitärer Regime gewesen, in relativ kurzer Zeit „neue Menschen“ schaffen zu wollen.  

Wie soll sich die Akkumulation der DNA vollziehen? Erlerntes wird aufbewahrt, allerdings gehen neuere Erkenntnisse/Erfahrungen mit einem höheren Gewicht ein als ältere. Dafür sorgt ein „Diskontfaktor“, der naturgemäß bei den Menschen/Kulturen aus denen sie stammen, nicht einheitlich ist. Je höher die „Zeitpräferenzrate“ (ein Synonym der Ökonomen für „Ungeduld“) der Individuen ist, desto höher (niedriger) wird die Information der Gegenwart (Vergangenheit) bewertet. Demgemäß wird der Diskontfaktor umso größer (geringer) ausfallen, je weiter der Lernvorgang in der (Gegenwart) Vergangenheit liegt.

Was gilt als erlernt? Wie wird gelernt? Es handelt sich um einen kybernetischen Prozess, den man sich wie folgt vorstellen kann: Solange bewährte Ereignismuster und andersartige Fakten nur einmalig oder temporär, also eher zufällig, auftreten, gibt es keinen Grund, die eigenen Verhaltensroutinen zu ändern. Werden allerdings aus eher zufälligen Umweltzuständen (bzw. Umweltveränderungen) permanente Fakten, so haben wir Anlass und Grund dazu, das eigene Verhalten anzupassen und das, was wir von unserer eigenen Umwelt selbst gestalten können, neu zu arrangieren. So passen wir uns und unsere Institutionen im besten Falle optimal an neue Herausforderungen an.

Der Klimawandel ist dafür ein beredtes Beispiel: Jahrtausende lang haben sich Menschen an der Natur rücksichtslos bedient und spätestens mit der Industrialisierung damit begonnen, massiv und systematisch CO2 in die Atmosphäre abzugeben, um dann, zum Ende des 20./Beginn des 21. Jahrhunderts, festzustellen, dass der blaue Planet sich zunehmend erwärmt und sich aus dem einsetzenden Klimawandel dramatische Konsequenzen für Ökologie und Ökonomie einstellen (werden). Hervorstechendes Ergebnis der weltweiten Reaktion darauf ist bis heute das Pariser Abkommen von 2015, bei dem eine Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 2 Grad Celsius verbindlich vereinbar wurde. Ob das gelingt, steht mehr denn je in den Sternen. Wenn ja, so käme ein altes Zitat von Karl Marx zu neuen Ehren, wonach sich die Menschheit am Ende nur solche Aufgaben stellt, die sie auch lösen kann.