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Die Konjunktur in der Eurozone trübt sich ein: Was ist zu tun?

Im Jahr 1973 veröffentlichten Groucho Marx und Richard J Anobile den Band “The Marx Bros. Scrapbook“. Darin befragt Richard Anobile Groucho Marx nach bemerkenswerten Anekdoten in seinem Leben, den Erinnerungen an seine 4 Brüder (Chico, Harpo, Zeppo und Gummo) und, vor allem, an die gemeinsamen Auftritte in den Vaudeville-Theatern und in den 13 Filmen. Eines Abends auf der Bühne, so berichtet Groucho, steckte er in der Klemme: Seine ersten Gags hatten nicht so richtig gezündet und das Publikum sah ihn weitgehend kritisch an. Da fiel ihm folgender, geradezu epochaler Witz, ein (von dem Woody Allen noch Jahrzehnte später zehren sollte): Ein zum Tode Verurteilter wird vom Scharfrichter vor seinem Erhängen gefragt, ob er noch etwas bemerken wolle. Ja, erwiderte der dem Tod Geweihte: Die ganze Apparatur sei ihm nicht sicher genug...

Ein wenig so verhält es sich gerade mit der deutschen und mit der europäischen Konjunktur: Donald Trump hat in den letzten 30 Monaten wirklich alles probiert, um sie zum Einsturz zu bringen (den Brexit befeuern und Zwietracht säen zwischen Großbritannien und der EU, die Androhung von Zöllen gegen die deutsche Automobilindustrie, der Boykott internationaler Klimaschutzabkommen durch die USA etc.). Gott sei Dank sind wir uns aber unsicher, ob es dafür schon gereicht hat.

Für eine Entwarnung ist es allerdings noch viel zu früh. Im Gegenteil: Der wichtigste deutsche (und damit auch europäische) Konjunkturindikator, der Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung (Poschingerstrasse 05, München!), ist im Juli auf den Wert von 95,7 gefallen. Beide Teilindizes, die Einschätzung der Geschäftslage, wie auch die Erwartungen zur zukünftigen Geschäftsentwicklung, erfuhren einen deutlichen Rückgang. Wenn das geschieht, sprechen Konjunkturforscher schon nicht mehr von einem Abschwung (hier ist die Lageeinschätzung noch positiv, während sich die Zukunftserwartungen bereits eintrüben), sondern sogar von einer Rezession.

Auch die gerade beschlossene Senkung des US-Leitzinssatzes von 2,25 auf 2 % ist keine wirklich gute Nachricht für Europa: Denn der Aufwärtsdruck auf den USD wird nachlassen, was den Euro verteuert und den europäischen Export schwächt. Eine Konjunkturstütze weniger! Hinzu kommen die wenig optimistisch stimmenden „Binnenfaktoren“: Experten warnen, bei anhaltend tiefem Zinsniveau in der Eurozone, vor einem Platzen der längst diagnostizierten Immobilienblase. Das berichtet nicht irgendwer, sondern der Europäische Ausschuss für Systemrisiken (ESRB), geleitet von einem gewissen Mario Draghi. Ein Schuft, wer etwas Böses denkt?

Wir erinnern uns: Dem Fall von Lehmann Brothers und dem Börsencrash von 2008 sowie der anschließenden Weltwirtschaftskrise von 2009 ging im Jahr 2007 ein Platzen der Immobilienblase in den USA voraus. Dieses Mal könnte es in Europa/Deutschland umgekehrt kommen. Die schwächelnde wirtschaftliche Entwicklung bringt, bei hoher Verschuldung und trotz niedrigen Zinsniveaus, Immobilienfinanzierer zukünftig vermehrt in Schwierigkeiten. Schlägt das signifikant auf die Bankenbilanzen durch, so wird sich das Immobilienkreditgeschäft deutlich abkühlen und damit den bisherigen Preistrend, der bislang nur eine Richtung kannte, nämlich nach oben, abknicken.

Nun argumentieren die Advokaten eines niedrigen Zinsniveaus, dass zwar die private Ersparnis dadurch gedämpft, im Umkehrschluss aber der private Konsum dadurch angeregt werde, was der Konjunktur letztlich nütze. Leider ist es aber vor allem das verfügbare Einkommen, das den privaten Konsum bestimmt, ersteres wird aber künftig unter dem Eindruck einer Rezession leiden.

Die Konjunkturschwäche trifft freilich nicht alle Sektoren gleichermaßen: Die Industrie, insbesondere der Automobilsektor, steht stark unter Druck, Bau und Dienstleistungen geht es (noch) besser. Das alleine ist aber noch keine gute Nachricht: Der bekannte US-Ökonom und Ökonometriker Clive Granger befand zwar in den 1990er Jahren, dass der bis dahin bekannte Zyklus der Konjunktur ausbleichen, wenn nicht gar verschwinden werde, da der Wertschöpfungsanteil der Industrie am BIP immer weiter abnehme. Was für ein Fehlschluss! Da viele Dienstleistungen (und auch Werke des Bausektors) komplementär zur industriellen Produktion sind, schlägt ein niedriger (hoher) Auslastungsgrad in der Industrie am Ende eben doch auf den Rest der Volkswirtschaft durch. Eigentlich kein komplizierter Gedanke für jemanden, der den berühmten Granger-Kausalitätstest erfunden hat!

Was ist zu tun? Die Geldpolitik sollte, aus den oben erwähnten Gründen, ihren Kurs nicht noch expansiver gestalten. Die Lohnentwicklung war schon in den letzten beiden Jahren für die Arbeitnehmer/innen auch real positiv, die nächsten Lohnabschlüsse sollten ähnlich ausfallen, das stärkt die Kaufkraft und damit die Konsumnachfrage (s. o.). Wenn Bundesanleihen negativ rentieren, macht mehr staatliche Kreditaufnahme Sinn. Denn praktisch wird dem Staat z. Zt. Geld hinterher geworfen. Die „schwarze Null“ ist erst einmal obsolet geworden: Mehr Ausgaben für Infrastruktur, Digitalisierung und Bildung tun dringend not. Auf der internationalen Bühne sollte die EU schnell mit dem VK in Sachen Brexit einig werden und gegenüber Donald Trump proaktiv über Zollsenkungen verhandeln.