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Ungleichheit: Fluch oder Segen? Teil 3

Es ist sicherlich kein Zufall und es passt ins Bild der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung: Auf dem SPD-Parteitag vom 06. bis 08. 12. 2019 forderte der neue Parteivorstand, die SPD müsse in Zukunft endlich wieder die Partei der Verteilungsgerechtigkeit in Deutschland sein. Das neue Vorsitzenden-Duo, Norbert Walter-Borjans und Saskia Eskens, sieht dafür auch geeignete Instrumente, wie die Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro je Stunde sowie die Wiedereinführung der Vermögensteuer. Dass solche Maßnahmen Verteilungseffekte nach sich ziehen, dürfte unstrittig sein (vgl. unten). Nur welche? Für den Ökonomen interessant ist dabei freilich auch, dass die „Verteilung“ von den beiden neuen Parteiführern der SPD – anders als bei den übrigen (unstrittigen) makroökonomischen Zielen „Wirtschaftswachstum“, „Vollbeschäftigung“, „Preisniveaustabilität“ und „Zahlungsbilanzausgleich“ („Magisches Vieleck der Wirtschaftspolitik“) – in Verbindung mit dem normativ/ethisch höchst aufgeladenen Begriff der „Gerechtigkeit“ gebracht wird. Das macht die Sache nicht einfacher.

Schon in einer Zwei-Faktoren-Welt kann man keineswegs so einfach zeigen, dass ein höherer Preis für Arbeit die Verteilung des Einkommens zugunsten von Arbeit und zu Lasten von Kapital verschiebt. Für den einzelnen Arbeitnehmer, der dann 12 € statt 9,30 € (ab dem 01.01.2020) je Stunde verdient und nicht kürzer als zuvor arbeitet, hat sich die Lage zweifellos verbessert. Für die Summe aller Beschäftigten ist das keineswegs klar, denn die Zahl der Beschäftigten und/oder die Zahl der geleisteten Überstunden werden vermutlich nicht konstant bleiben, sondern vielleicht sogar steigen, eher aber sinken. Die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden sind für die Verteilungsdebatte einzel- wie gesamtwirtschaftlich von zentraler Bedeutung. In der Sendung „Anne Will“ vom 08.12.2019 stellte Ifo-Präsident Clemens Fuest zutreffend fest: Prekäre Einkommensverhältnisse stellen sich in Deutschland nicht etwa wegen eines vermeintlich zu niedrigen Mindestlohns ein, sondern vielmehr wegen der ungenügend langen, also zu kurzen, Arbeitszeit im Rahmen von Teilzeitverträgen.

Aus der Sicht der Gewerkschaften ist traditionell für die Verteilungsdiskussion die sogenannte „Lohnquote“ elementar. Diese misst formal den Anteil des Arbeitnehmerentgelts am Volkseinkommen und addiert sich mit der Profitquote zu eins. Die Lohnquote wird bei Änderungen im Lohnzinsverhältnis (etwa ausgelöst durch eine Anhebung des Mindestlohns, s. o.) immer dann und nur dann konstant bleiben, wenn die sogenannte „Substitutionselastizität“ (also gewissermaßen die Leichtigkeit mit der die Faktoren gegeneinander im Produktionsprozess ausgetauscht werden können) zwischen Arbeit und Kapital gerade gleich eins ist. Sie wird steigen (sinken), wenn die Substitutionselastizität kleiner (größer) eins ist.

Ob die Einführung einer Vermögensteuer die Einkommens- bzw. die Vermögensverteilung zugunsten der Arbeitnehmerhaushalte verändert, ist durchaus weniger trivial, als es sich die neue SPD-Führung wohl vorstellt. Es hängt nämlich davon ab, ob es den Unternehmerhaushalten (nicht) gelingt, diese zusätzliche Belastung zum Teil oder ganz auf den Rest der Gesellschaft zu überwälzen. Antwort darauf gibt (nur) die Kreislauftheorie der Verteilung. Gemäß der sogenannten „2. Keynes’schen Gleichung“ wird das Unternehmereinkommen nach Einführung einer Vermögensteuer nur dann sinken, wenn sich dadurch die privaten Investitionen rückläufig entwickeln oder der Konsum der Unternehmerhaushalte abnimmt oder das Sparen der Arbeitnehmerhaushalte zunimmt oder die staatliche Kreditaufnahme nachlässt oder sich schließlich der Außenbeitrag reduziert. Für die Gesamtwirkung auf das Unternehmereinkommen ist jeder einzelne Effekt separat zu untersuchen, wobei Interdependenzen freilich nicht ausgeschlossen werden können. Da hätte das SPD-nahe „Institut für Makroökonomik“ unter der Leitung von Sebastian Dullien mal eine schöne Forschungs-Aufgabe!

Aber die SPD will ja mehr, es geht ihr unbedingt um die Verbesserung der „Verteilungsgerechtigkeit“. Kein einfacher Begriff. Versuchen wir zu sortieren: Von „Verteilungsgerechtigkeit“ (iustitia distributiva) spricht schon Aristoteles (immer) dann, wenn auch den ärmsten Teilen einer Gesellschaft die Sicherung von Grundbedürfnissen gewährleistet wird. Abzugrenzen ist diese Verteilungsgerechtigkeit von der sogenannten „Tausch- oder Leistungsgerechtigkeit“ (justititia commutativa). Gerecht sind Preise hier, wenn Leistung und Gegenleistung in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen. In moderner Lesart werden insgesamt drei Typen von Gerechtigkeit voneinander unterschieden: Startgerechtigkeit, Ergebnisgerechtigkeit und prozedurale Gerechtigkeit. Im Hinblick auf die Einkommensverteilung liegt Startgerechtigkeit insbesondere dann vor, wenn der Zugang zu Bildungseinrichtungen in der Gesellschaft allen Schichten friktionslos gewährt wird. Ergebnisgerechtigkeit dürfte dann erreicht werden, wenn es vorwiegend die Produktivitätsunterschiede sind, welche die unterschiedliche Entlohnung der Individuen bestimmen. Prozedurale Gerechtigkeit kann sichergestellt werden, wenn Verteilungs-Regeln einheitlich und transparent (etwa bei der Auswahl von Stipendiaten oder bei der Ausschreibung von öffentlichen Aufträgen) zur Anwendung kommen. Ich überlasse es dem Leser zu überlegen, ob die beiden Vorschläge der neuen SPD-Führung (vgl. oben) allen diesen Kriterien genügen. Bsp.: Ein Mindestlohn von 12€ dürfte wohl kaum dem Kriterium der Ergebnisgerechtigkeit genügen.

Das Jahresende ist immer auch die Zeit für Zukunftswünsche. Man kann sich, wie die deutsche SPD, vermeintlich deutliche Verbesserungen gegenüber 2019 wünschen. Man kann sich aber auch erhoffen, dass einem das Gute, das man in 2019 erfahren hat, noch lange erhalten bleibt. In diesem Sinne: Allen treuen Lesern dieses Blogs wünsche ich für 2020 ein glückliches neues Jahr!