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Ungleichheit: Fluch oder Segen? Teil 1

Die allermeisten Entscheidungen der Wirtschaftspolitik betreffen direkt die Einkommen (gegenwärtige, zukünftige) oder Vermögen (gegenwärtige, zukünftige) der Wahlbürger. Das gilt selbstverständlich auch für die gerade von der Bundesregierung nach langem Streit beschlossene Grundrente. Diese vermengt zwar das Leistungsprinzip der gesetzlichen Rente (mit den eingezahlten Jahren und den im Erwerbsleben erzielten Löhnen als Leistungskriterien) mit dem Bedürftigkeitsprinzip der Sozialpolitik, trotzdem spricht die Politik weiter trotzig von einer „Rente“. Da die „Gegenfinanzierung“ in Gestalt einer (noch lange) nicht existierenden Finanztransaktionssteuer eine reine Luftbuchung darstellt, ist davon auszugehen, dass die Grundrente in Zukunft aus dem allgemeinen Steueraufkommen bezahlt werden wird. Diese Beträge (geschätzt mindestens 1,5 Mrd. Euro) kommen dann zu den rund 100 Mrd. Euro hinzu, die jetzt schon aus dem Bundeshaushalt kommend die Rentenkasse bezuschussen.

Da sich das verfügbare Einkommen aus der Differenz von Bruttoeinkommen (linke Seite) und Steuern und Transfers (rechte Seite) errechnet, werden die (zu erwartenden) höheren Steuern die Konsummöglichkeiten der Steuerbürger zukünftig (weiter) einschränken. Da die unteren und mittleren Haushalte über eine vergleichsweise hohe (marginale und durchschnittliche) Konsumquote verfügen, sind sie es, die hiervon besonders betroffen sind. Davon einmal abgesehen, ist die beschlossene Grundrente vor allem eine Umverteilung von Einkommensansprüchen zu Lasten der Jungen und zu Gunsten der Älteren in unserer Gesellschaft. Und es ist nicht die erste (vermutlich auch nicht die letzte), welche die „Groko“ in insgesamt 3 Legislaturperioden veranlasst hat. 

Neben der intergenerationellen gibt es natürlich auch die intragenerationelle Einkommensverteilung. Deren Muster ist schon lange bekannt und hat sich auch in den letzten Jahrzehnten (weder in Deutschland noch in anderen Industrienationen) kaum verändert: die relativen Häufigkeiten der Einkommen sind, wie man sagt, linkssteil und damit rechtsschief verteilt. Es gibt also deutlich mehr untere und mittlere Einkommen als höhere und höchste. Interessant sind bei diesem Verteilungstyp, der auch durch eine sogenannte „Lognormalverteilung“ approximiert werden kann, die „Lageparameter“: Modus, Median und Mittelwert. Beim Modus handelt es sich um den häufigsten Wert der Verteilung, sprich: Um das am häufigsten beobachtete Einkommen. Nach der Theorie von Gerold Blümle, der seine diesbezüglichen Ideen zuerst 1992 veröffentlicht hat, zieht das häufigste Einkommen weit mehr Aufmerksamkeit auf sich als der Durchschnitt der Einkommen. Daher werden Haushalte mit ihrem Einkommen tendenziell immer dann (halbwegs) zufrieden sein, wenn es höher ausfällt als der Modus der Einkommen. Da dieses Einkommen bei einer Lognormalverteilung deutlich niedriger ist als Median und Durchschnitt, ist es nicht so schwer, als Haushalt mit dem eigenen Einkommen darüber zu liegen. Das erklärt u. a., warum etwa in der Deutschland (insbesondere in der alten Bundesrepublik) die Unzufriedenheit mit der Einkommensverteilung über viele Jahrzehnte hinweg ausgesprochen gering war.

Der Median der Einkommen ist jenes Einkommen, das die Dichtefunktion gerade in zwei gleich große Hälften teilt. 50% der Einkommensbezieher haben also ein größeres, die anderen 50% ein geringeres Einkommen als der Median. Der Durchschnitt schließlich ist nichts anderes als der Mittelwert der Einkommen, der bei einer Lognormalverteilung, wie gesagt, größer als der Median und damit (siehe oben) demgemäß auch größer als der Modus ausfällt. Man kann zeigen, dass eine größere Streuung der Einkommen den Modus einer Verteilung reduziert. Das bringt die Haushalte in eine, wie man sagt, „Trade-Off-Situation“:  Denn ihr Wohlbefinden steigt einerseits bei absinkendem Modus (vgl. oben). Andererseits signalisiert aber eine größere Streuung eine zunehmende Konzentration der Einkommen, mit der die Haushalte unteren und mittleren Einkommens kaum zufrieden sein werden. Zwischen der Streuung (genauer: der Standardabweichung) der Einkommen und der Konzentration der Einkommen besteht nämlich, mathematisch gesprochen, eine positive, monotone Beziehung.

Die Konzentration der Einkommen wird mit dem sogenannten „Gini-Koeffizienten“ berechnet, dessen Werte in einem Intervall zwischen Null und Eins liegen: bei null besitzen alle Haushalte das gleiche Einkommen, bei eins verfügt ein einziger Haushalt über das gesamte Einkommen. Wichtig ist dabei der Unterschied zwischen dem Gini-Koeffizienten „ex-ante“, der sich auf die erzielten Markteinkommen (vor Steuern und Transfers) und dem Gini-Koeffizienten „ex-post“ (nach Steuern und Transfers), der die Einkommen nach der Intervention des Staates berücksichtigt. In der sozialen Marktwirtschaft besteht zwischen diesen beiden Koeffizienten i. d. R. ein deutlicher Unterschied: so liegt in Deutschland der Gini-Koeffizient „ex ante“ z. Zt. bei rund 0,5, derjenige „ex-post“ aber bei (nur) 0,29. Die zuletzt ausgewiesene Konzentration der Einkommen könnte man auch, falls sie im Zeitablauf Stabilität (im Fachjargon, die Eigenschaft der „Stationarität“) aufweist im Sinne von Gerold Blümle als „Verteilungsgleichgewicht“ interpretieren. Dieses Konzept und seine empirische Überprüfung werden wir dann im nächsten Blog ausführlich vorstellen. Eines ist allerdings klar: Wenn man die Idee eines Verteilungsgleichgewichts teilt, akzeptiert man auch, dass ein gewisses Maß an Ungleichheit keine Willkür oder Zufall ist, sondern von der Gesellschaft explizit gewollt ist.