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Die Sache mit den Zöllen

 

Vor wenigen Monaten behauptete Donald Trump, ein Land, das, wie die USA, ein riesiges Leistungsbilanzdefizit aufweise, könne im Grunde genommen einen (zukünftigen) Handelskrieg gar nicht verlieren. Stimmt das? Wenn ja, unter welchen Voraussetzungen; was, wenn diese nicht erfüllt sind? Der Reihe nach: Bei einem Handelskrieg werden vor allem (Mengen- oder Wert-) Zölle eingesetzt. Nehmen wir einmal an, die USA seien das „Inland“, China sei das „Ausland“. Wichtig auch: Zwischen beiden Ländern besteht ein flexibler Wechselkurs (der in der Vergangenheit von China allerdings systematisch erhöht wurde, was einer Unterbewertung des Yuan gleichkam).

Grundsätzlich gilt, dass Importzölle von den Importeuren (Anbietern von Importgütern am inländischen Markt) des Inlands zu zahlen sind. Nur, wer trägt die endgültige Zoll-Last („who bears the burden?“)? Das hängt, wie wir ja aus den Grundlagen der Volkswirtschaftslehre wissen, vor allem von der Preiselastizität der Importnachfrage ab: Je unelastischer die Importnachfrage, desto höher der Anteil, der von den Nachfragern/Konsumenten getragen werden muss. Entsprechend fallen die Preiseffekte aus und es kommt zu einer (mehr oder weniger großen) Reduktion der Konsumentenrente, also der Wohlfahrt der Verbraucher in den USA. Dies ist der erste und direkte Effekt von Importzöllen. 

Aus der Sicht des Auslands wird der Nettoerlös (in USD) der eigenen Exportverkäufe nur dann konstant bleiben, wenn die Importnachfrage des Inlands völlig preisunempfindlich ist. Das dürfte für die wenigsten chinesischen Exportgüter in die USA gelten. Jetzt kommt allerdings ein zweiter Effekt ins Spiel: Auf dem chinesischen Devisenmarkt bedeuten rückläufige Exporterlöse uno actu einen Rückgang des Devisenangebots, somit ist c. p. mit einer Abwertung des Yuan (Aufwertung des USD) zu rechnen. Dieser zweite Effekt wirkt den oben beschriebenen Erhöhungstendenzen bei den im Inland zu zahlenden Preisen (in USD) entgegen und entlastet die inländischen Verbraucher. Denn: Die chinesischen Exporteure können die Abwertung ihrer Währung dafür nutzen, die USD-Preise ihrer Exportgüter um eben den Prozentsatz der Abwertung zurückzunehmen, da sie ja in ihrer eigenen Währung (Yuan) gerechnet durch die Abwertung einen erlössteigernden Impuls erfahren. Wenn sie darüber noch hinausgehen, wofür es in der Geschichte gute Beispiele gibt, geht es ihnen aktiv um die Sicherung eigener Marktanteile. Nur im Falle monopolistischer Konkurrenz werden sie die Preise in USD um weniger als den Abwertungssatz senken (dritter Effekt).

Ein vierter Effekt kommt durch die US-amerikanischen Anbieter von mehr oder weniger engen Substituten zustande: Steigen (s. o.) am Ende doch die US-Preise chinesischer Importe an, so wird sich ein Teil der Nachfrage inländischen Substituten zuwenden. Bei kurzfristig unelastischem Angebot mündet das in Preissteigerungen. Dadurch wird die Konsumentenrente geschmälert, allerdings die Produzentenrente inländischer Anbieter erhöht. Insgesamt darf man wohl vermuten, dass die massiven Zollerhöhungen auf zahlreiche chinesische Produkte in den USA dort zu Preiserhöhungen führen werden. Die Zeche zahlt der US-amerikanische Konsument, der ja bekanntlich auch Wähler ist. Das dürfte Donald Trump nicht gefallen.

Von den zahlreichen weiteren Effekten einer US-amerikanischen Zollpolitik gegen chinesische Importe beschränken wir uns im Folgenden nur auf einen einzigen, fünften Effekt: Da viele US-amerikanische Güter ausländische, also auch chinesische Vorprodukte enthalten, führen Zollerhöhungen auf chinesische Importe c. p. zu einer Verschlechterung in der Wettbewerbsfähigkeit solcher Güter der Endnachfrage. Man sagt auch, dass trotz Zolleinführung/-erhöhung die sogenannte „effektive Protektion“ inländischer Güter sinkt. Diese Effekte sind umso signifikanter, je stärker und enger die sogenannte „supply chain“ zwischen In- und Ausland gestrickt ist. Etwas Ähnliches widerfährt den Chinesen bei der oben beschriebenen Yuan-Abwertung: In USD bepreiste Inputs werden für sie teurer. Die US-amerikanischen Produzenten von Gütern der Endnachfrage dürften insgesamt an Zollerhöhungen auf chinesische Vorleistungen wenig Interesse zeigen. Amerikanische Produzenten sind allerdings auch Wähler …..

Wenn nun, wie wir es gerade erleben, die chinesischen Behörden mit Zollerhöhungen auf US-amerikanische Produkte antworten (man spricht hier auch von sogenannten „Retorsionszöllen“), befinden wir uns tatsächlich in einem Handelskrieg. Die oben für das „Inland“ beschriebenen Effekte können nun fast (die oben beschriebenen Wechselkurseffekte könnten ausbleiben) identisch auf das „Ausland“ übertragen werden. Die Weltwirtschaft insgesamt erleidet einen erheblichen Schaden: der Offenheitsgrad der beteiligten Volkswirtschaften und deren Wettbewerbsintensität geht zurück, das Volumen des Handels sinkt und damit auch Breite und Tiefe der weltwirtschaftlichen Arbeitsteilung. Das hat negative Auswirkungen auf Produktivität, Wertschöpfung und damit auch auf den Wohlstand.  

Kehren wir zu unserer Ausgangsfrage zurück: Können die US-Amerikaner ihr Leistungsbilanzdefizit durch Zollpolitik am Ende doch spürbar senken? Dazu muss man sich die makroökonomischen Bestimmungsgründe für das Leistungsbilanzdefizit der USA genauer ansehen. Diese bestehen in der inländischen Ersparnis, den inländischen Investitionen und dem gesamtstaatlichen Defizit. Solange die beiden zuletzt genannten Größen die inländischen Ersparnisse übersteigen, bleiben die USA auf Gedeih und Verderb Kapitalimporteur. Also muss solange auch der US-amerikanische Leistungsbilanzsaldo im Defizit verharren.