Studienstart März/April 2019: Betriebswirt (VWA) oder Marketing- und Vertriebsmanagement (VWA)! Jetzt anmelden!Öffnen

Warum und wann es richtig ist, sich weiter (fort)zu bilden (I)

Liebe Leser und Leserinnen: Zum Jahresausklang etwas besinnliches: Der folgende Blog ist der erste Teil einer kleinen Reihe zum Thema Bildung (Aus-, Weiterbildung etc.). Er wird in 14 Tagen fortgesetzt. In diesem ersten Teil fragen wir danach, warum wir eigentlich in unsere Bildung investieren (statt das Geld zu konsumieren), wovon es abhängt, ob wir uns für eine kürzere oder längere Ausbildung entscheiden etc.

 

Zunächst einige Binsenweisheiten, die es trotzdem kurz zu rekapitulieren gilt: Auf dem Arbeitsmarkt spielt nicht nur die Quantität (Anzahl der Arbeitsstunden), sondern auch die Qualität (z.B. durch Aus- und Fortbildung, Erfahrung) des Arbeitsangebotes eine wichtige Rolle. Arbeitnehmer weisen aus der Sicht der Arbeitgeber spezifische Eigenschaften in Bezug auf Wissensstand, Erfahrung etc. auf. Diese Qualifikation wird oft auch als „Humankapital“ bezeichnet. Das Humankapital ist nicht fix, sondern ändert sich durch Erfahrungszuwachs, Aus- und Weiterbildung etc. Aus der empirischen Arbeitsmarktforschung ist bekannt, dass der Ausbildungsstand stark korreliert mit den Erwerbsbeteiligungsraten: Je besser die Ausbildung, desto höher die durchschnittliche Erwerbsbeteiligung. Für die Arbeitslosenrate gilt wiederum: je besser die Ausbildung, desto niedriger ist die qualifikationsspezifische Arbeitslosenquote. Und zuletzt: je besser die Ausbildung, desto höher ist i. A. das durchschnittliche Haushaltseinkommen.

Diejenigen Studierenden, die uns in den Veranstaltungen der VWA München gegenüber sitzen, haben sich bereits entschieden: Zugunsten einer Investition in die eigene Aus- bzw. Weiterbildung. War das eine rationale Entscheidung? Was versprechen Sie sich bzw. was erwarten sie sich davon? Wovon hängt es ab, ob diese Erwartungen auch in Erfüllung gehen? Welche Antworten gibt uns eigentlich die Bildungsökonomie auf diese Fragen?

Zunächst einmal geht sie davon aus, dass die (wir) Individuen versuchen, ihren (unseren) Nutzen über das gesamte (Arbeits-)Leben hinweg zu maximieren. Dabei spielen Einkommen und Freizeit die entscheidenden Rollen. Hier kommt die Aus- und Weiterbildung ins Spiel: sie erfordert einerseits Investitionen (Kosten), dafür steigt aber das (danach) zu erzielende Einkommen mit dem Ausbildungsgrad i. d. R. an. Das belegen zahlreiche empirische Untersuchungen. Je höher wiederum das erzielbare Einkommen, desto eher können wir uns auch eine anspruchsvolle Freizeit leisten. Die genannten Kosten lassen sich in zwei Arten aufteilen: faktische Kosten (wie Kursgebühren, Aufwand für Bücher, Skripte etc.), aber auch sogenannte „Opportunitätskosten“: verpasstes Einkommen durch längere Ausbildungszeit bzw., im Falle der Weiterbildung, u. U. verpasste Aufstiegschancen, die sich bei ausschließlicher Konzentration auf den Job häufig einstellen.  

Für eine rationale Entscheidung für oder gegen eine Ausbildung sollte das zukünftige Einkommen bei Aus- oder Weiterbildung mit dem Einkommensstrom verglichen werden, den wir ohne dieselbe erwarten. Dazu muss ein sogenannter Barwert berechnet werden: Der Barwert entspricht dabei dem heutigen Wert zukünftig erwarteter (Lohn-, Gehalts-)Zahlungen. Aus der Investitionsrechnung ist wiederum bekannt, dass für die Ermittlung des Barwerts die zukünftigen Zahlungen mit einem Diskontsatz abzuzinsen sind. Dieser Diskontsatz hat es allerdings in sich: Er spiegelt nämlich sowohl unsere Ungeduld als auch die Verhältnisse auf dem Kreditmarkt wieder, wenn wir uns die Ausbildung durch einen Bank-Kredit finanzieren lassen. Je höher der subjektive Diskontsatz (konkret: die eigene „Zeitpräferenzrate“ oder Rate der Ungeduld) sowie der Kreditzins, mit dem wir unser Einkommen in der Zukunft abzinsen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass von uns in Aus- oder Weiterbildung investiert wird. Da der Kreditzins aber im Zweifel für alle gleich hoch ist, kommt es für die individuelle Ausbildungsentscheidung zentral auf die individuelle Zeitpräferenzrate an. Dabei gilt: Ein Individuum mit einer starken Präferenz für heutigen Konsum hat einen höheren Diskontsatz als ein Individuum, das eher (dann potentiell höheren) zukünftigen Konsum präferiert. Das bedeutet: Einem Individuum mit einer starken Präferenz für Gegenwartskonsum muss somit mehr (oder früher) Einkommen in der (nicht so fernen) Zukunft gezahlt werden, damit es bereit ist, auf eine Einheit Einkommen in der Gegenwart zu verzichten und sich für eine Ausbildung zu entscheiden. Anders gesagt: Je höher der Diskontsatz, desto kürzer ist demgemäß „ceteris paribus“ (d.h., alle anderen Einflussgrößen werden gedanklich konstant gehalten) die (optimal) gewählte individuelle Ausbildungsdauer.

Aber es wird noch ein wenig komplizierter: Bisher wurde nämlich davon ausgegangen, dass die Individuen sich nur in Bezug auf ihre Zeitpräferenz unterscheiden. In der Realität haben die Individuen aber auch unterschiedliche Fähigkeiten. Individuen mit besseren Fähigkeiten können nicht nur schneller Wissen ansammeln, sondern dieses auch ökonomisch besser verwerten: Man sagt auch, sie können einen höheren Grenzertrag aus ihrer Ausbildung ziehen. Der Grenzertrag der Ausbildung (analog zum „Grenznutzen von Gütern/Dienstleistungen“) wird allerdings mit wachsendem Ausbildungsniveau abnehmen, d.h. je höher das Ausbildungsniveau bereits ist, umso geringer ist der Verdienstzuwachs durch eine zusätzliche Einheit Ausbildung. Die Bäume wachsen also auch mit mehr Ausbildung nicht in den Himmel. Für die optimale Ausbildungsdauer gilt schließlich, dass hier die eigene Diskontrate (s. o.) gerade dem Grenzertrag der eigenen Ausbildung (also dem Zusatzverdienst, den die letzte Ausbildungseinheit gerade erzeugt) entsprechen muss. Dieses Ergebnis folgt dem fast immer gültigen Grundsatz aus der Mikroökonomie: Grenznutzen gleich Grenzkosten!

Das bedeutet: Bei ähnlicher Diskontrate ist für Individuen mit geringeren (besseren) Fähigkeiten „ceteris paribus“ ein geringerer (größerer) Ausbildungsumfang optimal. Wenn wir also zwei Individuen (A, B) mit unterschiedlichen Löhnen/Gehältern beobachten, dann hat das zu beobachtende Lohndifferential zwischen diesen Individuen A und B mehr als einen, mindestens aber zwei Gründe. Erstens verfügt Individuum A (im Vergleich zu B) über geringere Fähigkeiten und hat daher einen geringeren (Grenz-)Ertrag aus seiner Ausbildung. Zweitens wählt Individuum A (im Vergleich zu B) typischerweise eine geringere Ausbildungsdauer. Soweit die Erkenntnisse der Bildungsökonomie, die unser eigenes Verhalten betreffen. Keine Frage: Es gibt weiter Gründe dafür, sich für (mehr) Bildung zu entscheiden. Etwa die ganz persönliche Befriedigung, die das zu erwartende berufliche Fortkommen erzeugt,  die Freude darüber, dass kein „Stillstand“ in unserem Leben eintritt!